Zwischen Glückseligkeit und purer Armut
Veronika Winter aus Gössenheim will Straßenkindern in Indien helfen – langfristiges Projekt geplant
Eigentlich sollte es eine ganz normale Reise werden. Ein paar Urlaubswochen in einem Land, das Veronika Winter noch nie zuvor besucht hatte: Indien. Doch bevor sie sich im Oktober auf den Weg machte, suchte ein außergewöhnlich heftiger Monsun den Subkontinent heim.
Die Reise hat sie verändert, sagt Veronika Winter. Sie scheint keine Frau zu sein, die leicht zu beeinflussen ist. Mit ihren 66 Jahren steht sie voll im Leben, mit Freunden und Bekannten kommuniziert sie via Internet, Amerika und Afrika hat sie bereist. „Aber so etwas wie in Indien habe ich noch nie gesehen“, sagt die Gössenheimerin. Mütter, die mit ihren Kindern knietief im Wasser stehen. Menschen, die versuchen ihr Hab und Gut vor dem Wasser zu retten. Kinder, die keine Schuhe besitzen und die sich über ein Bonbon freuen, als wäre es der größte Schatz. „Und trotz alldem habe ich niemals liebenswertere und zufriedenere Menschen kennengelernt“, sagt Winter tief berührt.
Auf ihrem Laptop lässt sie eine Diashow ablaufen. Die Fotos zeigen die Stadt Changanacherry in der Provinz Kerala. Zwei Nonnen, die in ihrem Konvent 25 Straßenkinder betreuen, die heruntergekommenen sanitären Anlagen, Räume, in denen zehn Kinder oder mehr in Stockbetten schlafen, und immer wieder lächelnde Gesichter, große braune Kinderaugen, die sich über ein üppiges Mahl freuen, das Winter besorgt hat.
Eigentlich wollte die 66-Jährige nur Pfarrer Tom besuchen, der in den Jahren von 2004 bis 2007 in der Gössenheimer Pfarrei Vertretungsdienst leistete. „Unsere ganze Familie hat über die Jahre zu ihm ein inniges Verhältnis aufgebaut“, erzählt Winter. 25 Kilometer von Changanacherry entfernt betreut er derzeit eine eigene kleine Pfarrei. Zusätzlich leistet er Dienst im Domhaus der Stadt und kümmert sich um mehrere Konvente, in denen Straßenkinder oder Behinderte versorgt werden.
Eine ganze Pfarrei unter Wasser
Bevor Winter nach Indien flog, erfuhr sie von Pfarrer Tom, dass seine kleine Pfarrei einen Meter unter Wasser steht.
Vor allem für Nahrung wird das Geld verwendet, berichtet Winter. Täglich hängen die Nonnen Plastikbeutel an die Türen von Geschäften und sammeln so Essen ein. Manchmal werfen Menschen Kartofffeln, Zwiebeln oder Bohnen in die Tüten. Davon kochen die Nonnen das Essen für die 25 Kinder. Oft werden sie nicht satt. „Als ich einmal Bonbons verteilte – zwei für jedes Kind – und die Glückseligkeit in ihrem Augen sah, musste ich plötzlich hinausgehen. Ich habe bitterlich geweint“, beschreibt Winter ihre Erlebnisse. Auch von ihrem eigenen Geld hat sie die Kinder unterstützt. Sie kaufte 50 Meter Stoff, damit die Nonnen Schulkleidung nähen können: Im Gegensatz zu anderen Kindern hatten die Straßenkinder bislang keine Schulhemden. „Es gibt trotzdem noch unheimlich viel zu tun“, sagt Winter. Mit ihrer nächsten Spendenaktion will sie Anschaffungen für die karge Ausstattung des Konvents machen: Buntstifte, Bücher und auch die Wände könnten etwas Farbe vertragen.
Zweite Reise am 26. Dezember
Der Großteil ihrer ersten Spende ging an die kleine Pfarrei von Pfarrer Tom: „Er hat das Geld dort verteilt, wo es am nötigsten war, damit die Menschen ihre Häuser wieder aufbauen konnten“, so Winter.
Wer weitere Informationen über das Spendenprojekt haben oder sich beteiligen möchte, kann sich an Veronika Winter, Tel. (0 93 58) 2 55 oder veronika_winter@online.de wenden.
Von unserem Redaktionsmitglied Bianca Löbbert
Korrekturen:
Ein paar kleinere Fehler haben sich in den Zeitungsbericht
geschlichen.
- Die 25 Kinder schlafen alle in einem Raum.
- Die Einrichtungen sind zwar einfach und alt werden aber sehr sauber gehalten - der Begriff "heruntergekommen" erweckt hier einen falschen Eindruck.